Montag, 10. November 2014

25 Jahre Mauerfall: Weil ich es kann.....

Diese Chronik habe ich vor einigen Jahren geschrieben für eine (ehemalige) Freundin. Eine Geschichte meiner Jugend, die voller Vorurteile war. Die Chronik erschien bereits in einem Literaturmagazin. Ich dachte, zum Jubliäum könnte ich sie noch einmal hier veröffentlichen...

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1972 ich werde im Juni diesen Jahres irgendwo in Westdeutschland geboren.

1975 ohne mein Sandmännchen gehe ich nicht ins Bett. Nur echt mit Vollbart.

1979 erster Kontakt mit denen von „Drüben“. Freunde meiner Eltern haben Verwandte „drüben.“ Seltsame Menschen. Scheinen ganz arm zu sein. Freunde meiner Eltern müssen jedes Weihnachten ein Paket rüber schicken. Mit Kaffee. Wo der hier doch so teuer ist. Die von „Drüben“ denken wir wären reich. Dabei ist der Freund meiner Eltern nur ein einfacher Beamter, seine Frau sogar Hausfrau. Der Freund zeigt Dias vom letzten Besuch „drüben“. Alles wirkt trostlos, verfallen. Die Häuser sind marode. „Drüben“ scheint ein anderer Planet zu sein.

1986 Schulunterricht. Hauptschule. Wirtschaftslehre. Vergleich von sozialer Marktwirtschaft und Planwirtschaft. Planwirtschaft bedeutete von allem zu wenig zu haben. Planwirtschaft bedeutet, dass die Leute keine Motivation zum Arbeiten bekommen. Planwirtschaft bedeutet Armut und Elend.

Schulfreundin raunt mir im Unterricht zu, wie sehr sie wegen ihrer Verwandten aus der DDR schämt. Die sind ätzend, tragen nur Klamotten, die mal vor zehn Jahren IN waren. Sie mag nicht mit DENEN gesehen werden.

Zur gleichen Zeit: Durchnahme von George Orwells „Farm der Tiere“ im Deutschunterricht. Pflicht in jeder guten westdeutschen Schule. Zweibeiner= schlecht, Vierbeiner= gut. Muuuhhh.


1987 Bewerbe mich bei der Stadt um eine Lehrstelle. Lerne dabei zum ersten Mal etwas über den Radikalenerlaß. Seltsame Sache, dass man in der freien BRD wegen seiner Meinung ein Berufsverbot erhalten kann. Wundere mich.

1989 Veränderungen bahnen sich an. Skepsis. Ob das so gut ist? Sollten die von „Drüben“ nicht besser dort bleiben? Stammtischgezeter überall. Wohne im westlichsten Teil Deutschlands. Zwei Schritte nach Westen und ich stehe in Holland. Das macht sich bemerkbar.

1991 Bester Freund erzählt, dass er bei einem Besuch seiner Verwandten in der DD.., upps, es heißt ja jetzt „Neue Bundesländer“, eine junge Frau kennengelernt hat. Wir runzeln die Stirn. Tuscheln hinter seinem Rücken. Mädel läuft bestimmt in langen Röcken mit Gummistiefeln und schlecht gefärbten Haaren rum.

1991 Freund K. eröffnet uns, dass seine Freundin rüber kommen will. Will die nur hier hin, weil sie denkt, er hat Geld? Dabei ist er armer Student. Vielleicht dreht sie ihm sogar ein Kind an. Die wird sich aber wundern!

1992 K. stellt uns seine neue Freundin D. vor. Keine drei Tage ist sie hier, hat sie schon einen Job als Lebensmittelverkäuferin. Nen Job, den keiner hier so richtig machen will. Hört gute Musik.

1993 Erfahre mehr über D. Viele ihrer Probleme als Jugendliche kommen mir ziemlich bekannt vor. D. war Revoluzzer, sie hatte eine amerikanische Fahne über dem Bett hängen. Ich war auch ein Revoluzzer und las Karl Marx.


1993 Immer mehr „Ossis“ arbeiten in meiner Firma. Nette Leute. Haben Humor. Mit denen geht man abends gerne mal ein Bierchen trinken.

1995 D. ist Trauzeuge bei meiner Hochzeit.

1996 Ich bin Trauzeugin bei ihrer Hochzeit.

2004 Erster Besuch in Berlin. Gehe durchs Brandenburger Tor. Weil ich es kann. Fühle mich gut.

2005 Besuch des Brandenburger Tors mit D.? Gehen vielleicht zusammen durch. Weil wir es können. 

Kommentare:

  1. Seid ihr gemeinsam durchs Brandenburger Tor gegangen??? Ein nachdenklich stimmender Lebenslauf...

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  2. Nein sind wir nicht. Ich wollte nur mal aufzeigen, das es in Westdeutschland auch "Propaganda" gegen den Osten gab. Nicht nur umgekehrt.

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