Dienstag, 15. April 2014

Die Spargelstecher

Es versprach ein schöner Tag zu werden. Der Frühnebel wallte über die Felder und tauchte die Landschaft in ein diffuses Licht. Fischreiher setzten zum Landeflug an, der Morgen roch nach Frühling.

Joachim hatte keinen Blick für die Schönheiten der Natur. Bereits seit fünf Uhr war der Landwirt auf den Beinen. Vor Mitternacht würde er auch kaum ins Bett kommen. Nicht heute. Heute trafen die Landarbeiter aus Polen ein. Heute begann die Erntezeit. Und dafür musste noch viel vorbereitet werden.

Joachim blickte auf sein Spargelfeld. An einigen Stellen brach das weiße Gold bereits die Erde auf. Es war höchste Zeit mit dem Stechen zu beginnen. Alles musste heute schnell gehen, für Einweisungen blieb wenig Zeit. Joachim hoffte nur, dass die stressige Spargelzeit schnell vorüber gehen würde.

So spielte sich auch dieser Tag, wie jeder erste Erntetag, in totaler Hektik ab.

Das Mädchen, nein junge Frau, war eine Neue. Zum ersten Mal auf den Feldern. Mitgebracht von einem Freund. Sie wäre Joachim kaum aufgefallen. Die Schönste war sie nicht und wie sich später herausstellte auch nicht die Geschickteste. Sie wäre ihm wirklich nicht aufgefallen, hätte sie nicht abends auf dem Hof gestanden und eine Zigarette geraucht. Irgendwie irritierte sie Joachim, wie sie da am Zaun lehnte. Die meisten Arbeiter fielen nach zwölf Stunden Feldarbeit müde ins Bett.

Joachim räusperte sich. "Kann ich Ihnen helfen? Brauchen Sie etwas?"
Joachim sprach kein Polnisch. Musste er auch nicht. Einer von den Arbeitern konnte immer gebrochenes Deutsch und übersetzte. Joachim hoffte, dass die Frau ihn verstand. Mit großen Rehaugen schaute die Frau ihn an und schüttelte ihren Kopf. "Nein, ich möchte nur den Abend geniessen." Joachim nickte nur. Nach ein paar Sekunden ries er sich los und ging wieder zum Haus zurück.

Am nächsten Abend stand die Frau wieder am Zaun. Wie hatten die anderen Arbeiter die Frau auf dem Feld gerufen? Marissa, Marita oder Marlis? Joachim konnte sich nicht erinnern. "Guten Abend", sprach die Frau ihn an.
"Abend." Wieder standen beide schweigend am Zaun und blickten über die Felder. Nichts störte ihre Aussicht, nur am Horizont gab es Pappeln, die in Reih und Glied ein Flussufer markierten. "Das Leben auf so einem Hof ist wirklich hart", eröffnete die Frau das Gespräch. Joachim zuckte mit den Achseln. "Hart ist es nur im Moment, zur Spargelsaison. Ansonsten geht es zu, wie auf jeden anderen Hof auch."
Er schaute die Frau von der Seite aus an. Ihre Sommersprossen leuchteten im Licht der untergehenden Sonne. "Sie sprechen aber gut Deutsch. Wo haben Sie das gelernt?"
"Auf der Uni, ich studiere Germanistik."
"Wirklich? Sie studieren?"
"Hm."
"Und dann arbeiten Sie hier? Gäbe es in Polen nicht einen besseren Job für eine Studentin?"
"Einen besseren ja. Einen besser bezahlten, nein. Viele von unserer Truppe haben studiert. Der alte Kowalsky ist Studienrat, Frau Nowak Biologin. Wussten Sie das nicht?"
Joachim schüttelte den Kopf. Es gab Papiere in denen das stand. Papiere für die Joachim keine Zeit hatte sie richtig durchzulesen.

Die junge Frau hiess Marissa. Hübsch konnte man sie wirklich kaum nennen, stellte Joachim fest. Ein wenig zu klein, ein wenig zu rund und die Nase war schief. Aber ihre braunen Augen faszinierten ihn.

Jeden Abend trafen sich die beiden vor dem Zaun. Marissa erzählte, Joachim schwieg. Sie sprach von ihrer Heimat in Polen, von Politik und von ihren Träumen. Sie wollte Journalistin werden, die Welt bereisen. Joachim verstand nicht alles was sie sagte. Aber er hörte gerne zu.

Die abendlichen Gespräche blieben nicht unbeobachtet. Am zehnten Tag nahm sein Vater ihn zur Seite.
"Joachim bei der musst du aufpassen."
"Warum?"
"Du kennst die doch, die aus Polen."
Joachim verstand nicht, woüber sein Vater sprach.
"Die ist doch nur auf das eine aus."
"Auf was denn?"
"Na auf dein Geld."
Joachim fing an zu lachen. Geld, welches Geld? Joachim hoffte jeden Tag, dass er in dieser Saison genug Umsatz machte, damit er die restlichen Monate durchstehen konnte. Das er den Hof halten würde. Von welchem Geld sprach also sein Vater?

"Pass auf Jung. Nicht das sie dir was Kleines andreht."
Ach, darauf war der Vater aus. Hätte sich Joachim eigentlich schon denken können. Verärgert sah er den alten Mann an.
"So ein Mädchen ist Marissa nicht. Außerdem, bei uns läuft nichts. Auch wenn es dich nichts angeht."
"Ist ja gut, Jung. Ich wollt ja nur mal gesagt haben."
Der Vater drehte sich um und verlies das Zimmer. Joachim verbarg seinen Kopf in den Händen. Was sollte so eine gebildete Frau wie Marissa auch schon mit einem Bauern anfangen?

Schon bald wünschte Joachim, dass die Spargelzeit nie zu Ende gehen würde. Doch der Juni kam schneller als gedacht und die Polen bereiteten sich auf ihre Abreise vor. Der letzte Abend brach an. Marissa und Joachim standen wieder an ihrer Stelle am Zaun, keiner von beiden sagte ein Wort. Sie genossen die milde Abendluft.
Marissa räusperte sich: "Wir können uns schreiben. Du hast ja meine Adresse."
Sie blickte starr gerade aus, auf die goldenen Felder hinaus.
Joachim nickte nur. "Möchtest du noch bleiben? Ich kann ein paar fleissige Hände gebrauchen."
Marissa schüttelte den Kopf. "Nein, das geht leider nicht. Mein Semester fängt bald an. Aber nächstes Jahr, wenn du möchtest, komme ich wieder zur Spargelsaison."
***
Feiner Nieselregen hing in der Luft. Die Kälte kroch durch Joachims Kleidung. Seine Hände waren bereits rot und rissig. Der Niederrhein von seiner schönsten Seite. Selbst der Fischreiher hatte sich verzogen. Der Frühling kam spät dieses Jahr. Gerade erst drei Tage lang waren die Temperaturen so, dass man an die Ernte denken konnte.

Joachim war bereits um fünf Uhr aufgestanden. Zeitlich lag er allerdings schon um einiges zurück. Zuerst war eine teure Plane gerissen, dann fuhr sich auch noch der Traktor im Matsch fest. Wenn er heute nicht mit dem Stechen anfangen könnte, wäre die Konkurrenz schneller und würde ihm das eine oder andere lukrative Geschäft wegschnappen. Eile war geboten. Joachim lies sich nicht aus der Ruhe bringen. Er lächelte sogar. Gleich würden sie kommen. Die Spargelstecher aus Polen.

-Ende-

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