Montag, 31. März 2014

Der Nervtöter von Xanten

wie schon sagte, fühlte ich mich durch die Götter- und Heldensagen inspiriert. Natürlich auch zu einer Siegfried Geschichte. 
Natürlich ist das nicht unser Siggi....


Der Nervtöter

„Siehst du, diese Schwert ist doppelt geschmiedet. Soetwas ist nicht einfach. Aber ich bekomme das hin. Ansonsten kann das kein Schmied in der näheren Umgebung so gut wie ich. “
Ich verdrehte die Augen.
„Ja, ja“, antwortete ich nur, ohne weiter von meiner Arbeit aufzusehen.
„Und beim letzten Ostara habe ich sieben kräftige Männer unter den Tisch getrunken.“
Nun schaute ich doch von meiner Arbeit auf. Vor mir stand ein schlaksiger Teenager, mit rotem Gesicht, dass von seiner Schuppenflechte herrührte und schaute mich erwartungsvoll an.
Irgendwie tat mir der Kerl ja leid. Er hatte keine Freunde hier im Dorf, was an seiner ungehobelten Art liegen mochte und auch die jungen Mädels machten um ihn herum einen großen Bogen. Allerdings hatte ich keine Lust mir stundenlang von ihm die Ohren über seine angeblichen „Heldentaten“ vollsäuseln zu lassen.
„Ja, du hast da ein sehr hübsches Schwert“, antwortete ich ihm. Ich richtete mich von meiner Arbeit auf und starrte zur Schmiede hinüber. „Hör mal, ich glaube, der Mime hat gerade nach dir gerufen.“
Der Junge drehte sich um und blickte stirnrunzelnd in Richtung Hütte. „Ich habe nichts gehört“, antwortete er mir „Aber ich gehe besser einmal nachschauen, sonst wird der Meister wütend.“

Erleichtert seufzte ich auf. Ehrlich gesagt hatte ich auch nichts gehört, aber ich wollte den Jungen los werden. Er ging mir langsam mächtig auf den Keks. Was für eine Enttäuschung. Von einem großen, starken Helden hatte ich geträumt, als ich mich auf zu meiner Zeitreise aufmachte. Einen breitschultrigen Typen, mit markanten Wangenknochen, blondem Haar und blauen Augen. Und was ist dabei herausgekommen? Ein verunsicherter Teenager mit einer riesig großen Klappe. Ein Besserwisser. Dabei grenzte es schon an ein Wunder, dass ich überhaupt den Jungen getroffen habe. Eigentlich dürfte er gar nicht existieren. War er doch nur eine Fabel, eine Legende. Jung-Siegfried. Der berühmte Drachentöter, oder eher gesagt der Nervtöter. Ehrlich gesagt war die ganze Aktion ein Fehlschlag. Nicht nur Siegfried war eine einzige Enttäuschung, auch das Zeitalter. Finsteres Mittelalter. Ich schaute mich um. Das „Dorf“ bestand aus nur einigen langgestreckten Lehmhäusern, die eng aneinander hockten. Die Wege waren durch den andauernden Regen der letzten Tage kaum noch begehbar. Alles schien im Schlamm zu versinken. Nur ein paar dreckige Hühner stolzierten draußen im Matsch herum. Und ich spielte die Dienstmagd für den Meister des eingebildeten Burschen. Eigentlich hätte ich mich schon längst wieder vom Acker gemacht, aber ich suchte nach einem handfesten Beweis, der die Existenz des historischen Siegfrieds belegte und den ich mit ins 21 Jahrhundert nehmen konnte. Eine Fotografie wäre nicht schlecht, doch ich hatte meine Digitalkamera zu Hause gelassen. Das Handy in meiner Tasche ermöglichte es mir leider nicht Fotos zu schießen. Außer zum telefonieren, war das blöde Teil nur noch für die Zeitreisen gut.

Unzufrieden mit der ganzen Situation holte ich den letzten Eimer Wasser aus dem Brunnen hoch und stapfte damit in Richtung Hütte zurück. „Soll ich dir helfen?“, fragte jemand hinter mir. Ich drehte mich um. „Nein danke, geht schon“, antwortete ich zurück, während ich in das lächelnde Gesicht von Mime blickte. Er hielt mir zwei tote Hasen entgegen. „Hier das Mittagessen. Habe ich von Arnold bekommen, dafür, dass ich seinen Pflug repariert habe.“ Ich schaute die Viecher skeptisch an. Zwar bin ich keine Vegetarierin, aber das meiste Fleisch bei mir auf dem Tisch kommt vom Supermarkt um die Ecke. Ohne Fell und Innereien. Noch ein Argument, dass aus meiner Sicht gegen das Mittelalter sprach. Mime musste meinen leicht verzweifelten Blick bemerkt haben. „Ich kann sie dir auseinandernehmen, wenn du möchtest“, sagte er zu mir. „Hast du nicht viel in der Schmiede zu tun?“, fragte ich zurück.
Schließlich war es mein Job als Magd mich um solche Sachen zu kümmern.
Er zuckte mit den Schultern. „Helmar ist doch da. Und Siegfried der faule Bursche, kann auch mal mit anpacken.“ Ich lächelte ihn wieder an. Wir blieben noch einige Sekunden so stehen, ohne überhaupt etwas zu sagen. „Ähm sollen wir mal?“, unterbrach ich schließlich das Schweigen. Mime nickte mir zu.„Ja, dann gehe ich mal in den Schuppen und nehme die Viecher aus“, antwortete mir der Schmied. Verträumt blickte ich ihm nach, während seine muskulöse Gestalt in Richtung Schuppen verschwand. Mime war wirklich ein verdammt netter Kerl.

„Das mache ich nicht“, hörte ich Siegfried bereits vom weitem schreien. Nicht schon wieder dachte ich bei mir, als ich die Schmiede betrat.

Am liebsten wäre ich direkt wieder abgehauen. Aber Mime brauchte ein Messer um das Kaninchen zu zerlegen. Wenn er schon so nett war und mir seine Hilfe anbot, konnte ich ihm wenigstens sein Werkzeug bringen. Auch wenn ich keine Lust hatte, wieder einmal Zeuge von Siegfrieds berühmten Wutausbrüchen zu werden.

Der Junge baute sich mit einem hochrotem Kopf vor dem Gesellen Helmar auf. „Warum soll ich das noch einmal machen? Das ist doch totaler Blödsinn. Ich habe das Metall bereits dreimal neu eingeschmolzen.“
Helmar war sichtlich um Ruhe bemüht. „Junge, so kannst du das einfach nicht lassen. Schau doch selbst einmal. Das Metall ist nicht stabil genug. Es wird beim ersten benutzen zerbrechen.“ Siegfried schluckte heftig. „Dann soll der Mist doch brechen.“ Er nahm die gerade fertige Schwertklinge in die Hand und schmieß sie mit aller Gewallt auf den Fußboden. Entsetzt starrte der Geselle und ich auf das zerbrochene Metall. Siegfried drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte aus der Schmiede hinaus.

Gerade als ich mich nach dem Metall hinunter bückte, hörte ich eine Stimme hinter mir. „Lass das liegen.“ Ich drehte mich zu Mime herum, der am Türeingang stand. Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Siegfrieds Geschrei über den ganzen Hof gehört. Lasst dass Zeug liegen, der Junge soll seinen Mist selbst aufräumen. Helmar, könntest du für mich zum Weiler die Kohle holen gehen?“ „Klar, kein Problem“ , antwortete ihm der Geselle. Er wusch sich seine Hände in der bereitstehenden Schüssel und verlies wenige Augenblicke später die Schmiede. Mime seufzte tief ein. „Dann werde ich wohl mal mit dem Jungen reden...“ Ich nickte ihm zu. „Viel Glück dabei“ , wünschte ich ihm noch.

Einige Sekunden später folgte ich ihm nach draußen. Keine zwanzig Meter von mir entfernt, am Eingang des Haupthauses sah ich Siegfrieds schlaksige Gestalt, die die seines Lehrherren um mindestens zwei Köpfe überragte.
„Nun hör mal zu, Junge“, redete Mime beschwichtigend auf Siegfried ein.
„Ich muss dir überhaupt nicht zuhören.“ Siegfrieds Stimme überschlug sich, seine Augen funkelten böse den Meister an. Der Schmied trat einen Schritt näher an Siegfried heran: „Junge, jetzt beruhige....“
Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Plötzlich, im Bruchteil einer Sekunde hob Siegfried seinen Arm und schlug mit einem Hammer auf Mime ein. Der Schmied ries zum Schutz seine Arme hoch, aber dann war es bereits zu spät. Ich blieb wie angewurzelt stehen, mein Mund öffnete sich, aber die Worte blieben mir in der Kehle stecken. Mime sank in sich zusammen und blieb auf dem Boden liegen. Langsam, wie in Trance, bewegte ich mich auf die beiden zu. Siegfried stand stocksteif neben Mime, er hielt in seiner rechten Hand immer noch den blutigen Hammer.
Überall auf dem Gras war Blut, am Kopf des Schmiedes klaffte eine tiefe Wunde. Ich beugte mich zu ihm hinunter. „Mime, Mime, bitte, bitte...“ , ich rüttelte ihn leicht. Mime drehte ein wenig den Kopf zur Seite und versuchte mich anzusehen. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, aber er blieb stumm. Nur einige Blutstopfen liefen ihm am Mundwinkel herab. Dann begannen seine Augen zu flattern. „Oh mein Gott, oh mein Gott,“ wimmerte ich vor mich hin.
Ich blickte zu Siegfried hoch. „Wir brauchen Hilfe!“, schrie ich den Jungen an. Aber dieser schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. „Hol Hilfe“, brüllte ich wieder los. Endlich setzte er sich Richtung Dorf in Bewegung. Ich fluchte vor mich hin. Wir benötigen richtige Hilfe, nicht diese Kräuter-Quacksalber des 9 Jahrhunderts. Mit zitternden Händen nahm ich mein Handy aus der Tasche. Blut klebte an meinen Fingern, was das wählen auch nicht einfacher machte. Aber das Handy würde uns zurückbringen, in die sichere Gegenwart. Zu Notaufnahmen, Intensivstationen und Antibiotika. Mir war klar, dass ich gerade in diesem Augenblick einen riesigen Fehler beging. Jemanden aus der Vergangenheit mitnehmen, dass konnte zu ungeahnten Schwierigkeiten führen. Aber es war mir egal. Über Konsequenzen konnte ich noch später nachdenken. Ich blickte kurz von meinem Handy zu Mime hinunter. Seltsam reglos lag er da. Sein Brustkorb hob und senkte sich auch nicht mehr. Ich starrte ihn an, während ich an seiner Halsschlagader nach dem Puls fühlte. Doch nichts regte sich. Mime war tot. Entsetzt kroch ich durch das nasse Gras einige Meter von dem Leichnam weg. Mein Blick verschwamm, als ich auf den Leichnam blickte. Hier konnte ich nichts mehr ausrichten. Mime war tot. Ich schaute wieder auf mein Handy. Die Zahlen waren schon zur Hälfte eingetippt. Ich atmete tief durch, bevor ich den Code vervollständigte. Ein paar Sekunden herrschte Stelle. Und da war ich wieder. Zuhause. Auf meiner Couch. Vor mir stand die rote Vase, die ich erst vorgestern liebevoll mit Rosen gefüllt habe. Eine feine Staubschicht hat sich auf der Tischplatte abgesetzt. Mein Blick schweifte zum Fenster. Draußen brach gerade ein wunderschöner Morgen ein. Ein Morgen, den Mime nie zu sehen bekommen würde. Tränen liefen mir über die Wangen. 

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