Mittwoch, 26. März 2014

Der Frühlingsmuffel.

Eingehend betrachtete ich die Indizien. In meinem Briefkasten stapelten sich Rechnungen, eine Mahnung des Finanzamtes obendrauf. Meine Nachbarn wühlten wie die Maulwürfe in ihrem Garten herum. Und meine Katze zerkratzte vor lauter Übermut die Möbel. Kein Zweifel: Es war mal wieder soweit, der Frühling stand vor der Türe. Ich seufzte still und leidend in mich hinein. Meine ruhige Zeit vorüber.

Kitzelte es nicht schon in meiner Nase? Und was war mit meinen Augen? Ich betrachtete mich kritisch im Spiegel. Ja, sie waren bereits ein kleines bisschen gerötet. Gerade in diesem Moment schwebte ganz langsam eine Polle an meinem Gesicht vorbei. Ich starrte sie böse an. Wie war der Feind nur so schnell in meine Wohnung eingedrungen? Plötzlich zuckte ich zusammen, das laute Kreischen einer Motorsäge hatte mich erschreckt.

Es war nicht zum aushalten. Bald würden meine Freunde mich wieder zu Radtouren nötigen, in den Gärten der Nachbarn gäbe es Grillparty´s bis 3 Uhr nachts und morgens um sechs falle ich dann aus dem Bett, weil die Schützen ihre Parade abnehmen. Kein herumlungern mehr auf der Couch mit einem guten Buch, keine duftende Weihnachtsmärkte, auf denen es köstliche Leckereien gab. Nein, jetzt hieß es wieder Diät halten, für die Bikinifigur im Sommer. Streß pur.

Meine Abneigungen gegenüber den Frühling verheimlichte ich wohlweislich gegenüber meinen Freunden und Verwandten. Es gibt Dinge, die sagt man nicht laut. Den Frühling mußte man einfach lieben, sonst war man gesellschaftlich unten durch.
Mißmutig stellte ich den Fernseher an. Wettervorschau. Vielleicht würde es endlich einmal regnen. Ein kleiner Aufschub für mich und meine Couch. Doch nein, die Wetterfee verkündigte freudestrahlend Sonnenschein für die nächsten zwei Wochen. Die Kamera zeigte fröhliche Menschen, die sich auf Steinen und Brunnen in Parks herumlümmelten und ihre Gesichter zur Sonne streckten. Haben diese Leute gar keine Angst vor Hautkrebs? Ich erwägte bereits eine Flucht in die Arktis, als mein Telefon klingelte.
„Hallo Schatz.“, säuselte meine Mutter mir ins Ohr.
„Hallo“, grüßte ich mißtrauisch zurück.
Meine Mutter säuselte selten. Eigentlich nie.
Diese unerwartete Freundlichkeit konnte nur eins bedeuteten: Sie wollte etwas von mir.
„Hast du am Samstag Zeit?“, fragte sie mich dann auch ohne Umschweife.
Ich versuchte angestrengt nachzudenken. Hatte ich Samstag bereits etwas vor? Oder noch besser:
Fiel mir spontan eine glaubhafte Ausrede ein?
„Äh...“,. schnell, schnell, sonst hat sie mich am Wickel.
Meine Mutter unterbrach mich: „Oh, ich konnte mir schon denken, dass du am Samstag nichts geplant hast. Schade eigentlich, so ein junges Ding wie du gehört unter Menschen.“
Ich schloss die Augen. Nicht schon wieder dieses Thema.
„Mama“, antwortete ich gequält.
Ich hörte am anderen Ende der Leitung einen tiefen Seufzer, bevor sie wieder zu sprechen begann: „Ich brauche jemand, der mir im Garten hilft. Du weißt ja mein Rücken und es muss so viel getan werden......“
Wehmütig blickte ich ein letztes Mal zu meiner Couch und ergab mich in mein unvermeidliches Schicksal. Der Frühling hatte mich am Wickel.
Ende



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