Sonntag, 11. November 2012

Ronkelsröiv aan Zimäerte




"Was machst du da?", mit großen Stielaugen schaute ich zu meinem Bruder hinüber. In seiner Hand befand sich eine Futterrübe und im Moment schnitze er wie verrückt daran herum. Dabei war er so beschäftigt, dass er mich überhaupt nicht beachtete. Wütend stampfte ich mit meinem kleinen Fuß auf. "Sascha, was machst du da?", rief ich schon ein wenig lauter. Endlich schaute mein Bruder zu mir herüber. "Das wird eine Laterne. Für St. Martin." Nun war er endgültig verrückt geworden. Ich habe es ja schon immer gewusst. Das Ding in seiner Hand war doch keine Laterne, das waren doch nur eine einfache Runkelrübe. Futter für die Rindviecher im Stall. Ich wusste genau, wie eine St. Martin Laterne auszusehen hat. Dafür brauchte man nur zwei Camembertdosen und ein wenig Pergamentpapier. Erst letzte Woche haben wir Laternen für St. Martin im Kindergarten gebastelt. Wenn Sascha meinte, er könne mich wieder veräppeln, täuschte er sich gewaltig. Schließlich war ich mit meinen fünf Jahren schon ein großes Mädel. Fluchs drehte ich mich um und rannte in den Stall zurück. "Mama, Mama, der Sascha ärgert mich wieder." Im Stall roch es angenehm säuerlich. Die Schweine quiekten laut in Erwartung ihres Futters. Ich musste schreien, um mich verständlich zu machen. "Mama, der Sascha sagt...." Meine Mutter seufzte hörbar auf. "Könnt ihr nicht einmal friedlich miteinander sein? Anne, ich habe jetzt überhaupt keine Zeit." "Aber Mama, der Sascha..." "Nichts da. Die Schweine sind schon unruhig. Und die Pferde muss ich auch noch versorgen. Entweder ihr vertragt euch oder du gehst wieder ins Haus rein. Ende der Debatte." Schwer beleidigt zog ich ab. Keiner hörte auf mich. Ich war ja immer nur "Die Kleine". Aus den Augenwinkeln heraus sah ich wie Sascha immer noch vor sich hin schnitzte. Der Blödmann. Beleidigt kickte ich einen Stein herum, während ich immer wieder zu meinen Bruder hinüber schielte. Die Rübe war mittlerweile ganz ausgehöhlt. Stolz hielt mein Bruder sein Kunstwerk hoch. "Na, wie findest du es?", fragte er mich. "Weiß nicht", antwortete ich immer noch misstrauisch. Mein Bruder kam zu mir hinüber und ging vor mir in die Hocke. Endlich konnte ich die angebliche Laterne von Nahem betrachten. "Hier kommt die Kerze rein." Er zeigte auf die Aushöhlung.
"Und wo machst du den Stab dran fest?", fragte ich stark zweifelnd. "Ich benutze keinen normalen Laternenstab. Ich spieße die Rübe auf einem Stock auf." Ich nickte nur. Langsam konnte auch ich die Laterne erkennen. Sie sah wirklich gruselig aus, mit ihren Warzen und der blassen Farbe. Noch besser als die Ballonfakel, die mir letzte Woche meine vier Jahre ältere Base gezeigt hatte. "Kann ich auch so eine haben?", fragte ich meinen Bruder. Meine Freunde im Kindergarten würden vor Neid erblassen, wenn ich so eine Fackel hätte. "Nee, dass ist nichts für dich. Das ist nur was für große Jungs", mischte sich meine Mutter ein. Sie war gerade im Stall fertig und betrachtete nun auch eingehend Saschas Kunstwerk. "Immer sagt ihr, wenn ich groß bin, bekomme ich eine ordentliche Laterne. Ich will auch so eine haben oder eine richtige Pechfackel!", rief ich beleidigt. Ich war fasziniert von dem rauchenden, großen Feuer, dass die Pechfackeln verbreiteten. Doch in unserem Martinszug sah man nur junge Männer damit laufen. Für Kinder waren sie streng tabu.
Meine Mutter strich mir meine Strickmütze glatt. "Du bist schon ganz kalt. Geh ins Haus, wir sind gleich fertig, dann kommen wir nach." Ich schüttelte trotzig den Kopf. Die Diskussion war für mich noch nicht zu Ende. Ich war bereits ein großes Mädchen und eine Kindergartenlaterne war unter meiner Würde. "Ich gehe auch ins Haus", mischte Sascha sich ein. "Wir haben doch noch Esskastanien. Komm Anne, ich lege dir welche auf die Ofenplatte." Gehorsam trabte ich hinter meinem großen Bruder her. Er wusste ganz genau, dass ich Esskastanien nicht widerstehen konnte. Die St. Martin Fackelangelegenheit war damit vorerst vergessen. -Ende-



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