Montag, 30. April 2012

Liebesmaien

"Ernst komm sofort da runter."



Hier stand ich nun. In der Dunkelheit. Und schaute verängstigt eine Leiter hoch, während der kalte Wind mein Haar zerzauste und dicke Regentropfen auf mich niederprasselten.
"Ich bin gleich soweit", kam es vom Dach zurück.
"Oma? Was macht Opa da oben?" Lisa, mein kleines Enkelchen, zupfte an meinem Morgenrock.
"Nichts Liebling. Leg dich wieder ins Bett. Du wirst noch ganz kalt hier draußen."
Ich sah Lisa nach, wie sie wieder zurück ins Haus ging. Auch mir war kalt und ich wurde langsam ungeduldig.
"Ernst! Es ist stürmisch!", rief ich noch einmal hinauf. "Komm vom Dach herunter, bevor noch etwas passiert."
Tatsächlich kletterte einige Sekunden später mein Mann wieder die Leiter hinab. Erleichtert seufzte ich auf. Mein Mann drehte sich zu mir um. "Du solltest es gar nicht vor morgen früh sehen."
Ich blickte wieder zum Dach hinauf. Doch mehr als die Regenrinne konnte ich in dieser stockfinsteren Nacht nicht erkennen.
"Was sehen? Ich sehe nur, dass du auf dem Dach herumspaziert bist. Und das auch noch bei Sturm. Du hättest herunterfallen können. Mein Gott Egon, was hast du da oben nur gemacht?", fragte ich schon leicht genervt.
"Nichts, nichts. Dachte, es wären ein paar Ziegeln vom Dach gefallen. Ich wollte nur einmal kurz nachsehen", wiegelte Ernst ab.
"Und das hätte nicht bis morgen, wenn es hell ist, Zeit gehabt?", murmelte ich vor mich hin.
Kopfschüttelnd ging ich wieder ins Haus. Kurze Zeit später kam auch Ernst nach.

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne durch unser Küchenfenster. Die Vögel zwitschern auf den Bäumen. Vom Unwetter der vergangen Nacht war nichts mehr zu sehen. Ich setzte gerade den Kaffee auf, als Lisa hineingestürmt kam. "Oma, Oma, komm mal kucken." Sie zog an meinem Blusenärmel. "Langsam, Oma ist nicht mehr die Jüngste", versuchte ich meine aufgeregte Enkelin zu beruhigen. Auf der Terrasse angekommen, zeigte Lisa zum Dach hinauf.
Das konnte doch nicht wahr sein. Ich musste einige Male blinzeln, bevor ich mir sicher war, was da oben auf unserem Dach stand. Ich schlug mir die Hände vors Gesicht. "Oh mein Gott", rief ich aus. Auf unserem Dach thronte stolz ein Maibaum, eine junge Birke, geschmückt mit bunten Kreppbändern. Mein Mann kam freudestrahlend aus dem Haus heraus. "Egon. Wie kommt der Maibaum bei uns aufs Dach?", fragte ich meinen Mann.
"Du hast als junges Mädchen nie einen von mir bekommen. Das jammerst du mir bereits seit Jahren vor. Und nun dachte ich: Langsam wird es wirklich höchste Zeit."
Ich konnte nur noch staunen. Der Maibaum war riesig. Was hatte ich mir da nur vor fast fünfzig Jahren für einen wahnsinnigen Kerl geangelt.
Lachend umarmte ich ihn. "Du Verrückter. Wenigstens hast du dich dabei nicht betrunken, wie es die jungen Männer tun."
"Um Himmels willen. Dafür bin ich aber wirklich schon zu alt."
"Auf jeden Fall: Vielen Dank. Aber jage mir bitte nicht nocheinmal so einen Schrecken ein, wie letzte Nacht."
Mein Mann schüttelte daraufhin nur den Kopf. Fröhlich gingen wir wieder ins Haus zurück, wo bereits der Kaffee auf uns wartete.
-Ende-

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