Freitag, 1. Mai 2015

Klappertüt

Mein Blick schweifte über den frühmorgendlichen Garten. Der Frost tauchte die Tanne vor meinem Haus in einem glitzernden Kleid. Es funkelte wie tausend Diamanten, als die gerade aufgehende Sonne auf dieses Bild fiel. Jede einzelne Spinnwebe auf den Sträuchern war mit Rauhreif überzogen, der Wald hinter meinem Haus glänzte majestätisch wie eine eisige Prinzessin. Mein Atem kam in weißen Wölkchen aus meinen Mund hinaus. Böse funkelte ich diese Wintertraumlandschaft vor meiner Haustüre an. Als wenn ich sie nur durch meinen Willen zum schmelzen bringen konnte. Ich hasste diesen Anblick. Aus tiefstem Herzen. Meine Hände klammerten sich am Türgriff meines Hauses fest. Ich wollte einfach nicht loslassen. Wollte nicht nach draußen und die schützende Wärme meines Heims verlassen. Es war einfach zu kalt für diese Jahreszeit am Niederrhein. Das war ich nicht gewöhnt. Regen, Regen und manchmal auch Nebel, dass war mein Winterwetter. Nicht dieser Kitsch aus Schnee und Eis. Mein Innerstes rebellierte dagegen. Außerdem dröhnte an diesem Morgen auch noch mein Kopf, als wenn jemand mit einem Holzhammer auf ihn drauf schlagen würde. Sehnsuchtsvoll sah ich durch die Fensterscheibe in mein Haus hinein. Der Kaminofen flackerte lustig vor sich hin. Dort saß mein Mann mit unserem Hund auf der Couch, eine Tasse Kakao in der Hand und die Zeitung auf dem Schoß. Ihn hasste ich auch. Wenn ich leide sollte er auch leiden. Wozu war ich denn verheiratet? Und warum zum Teufel hatte ich nur zugesagt, an dem heutigen Treffen der katholischen Landfrauen teilzunehmen? Aber was sollte ich schon an einem Samstagvormittag großartig machen? Vielleicht im Bett liegen und lesen? Mann und Hund von der Couch schmeißen und meine Füße am Kamin wärmen? Bei ebay nach den lang gesuchten Porzellanschafen fahnden? Und damit die dreistündige Schwafelei unseres Vereins verpassen, wo es um so wichtige Dinge ging wie die Organisation eines Hausfrauennachmittags zu Karneval? Der garantiert das gleiche Programm aufweisen würde, wie im letzten Jahr. Und dem Jahr zuvor. Um Himmels Willen, das ging ja wirklich nicht.     weiterlesen:




Unzufrieden stapfte ich zu meinem Wagen. Hatte ich ihn nicht gestern vor meinem Haus geparkt? In meiner Einfahrt war nur noch ein riesiger Berg Schnee zu sehen. Allerdings schaute einer der beiden Rückspiegel heraus und verriet damit, dass es sich tatsächlich um meinen Wagen handelte. Vielleicht sollte ich doch besser die zwei Kilometer zur Grundschule zu Fuß oder mit dem Rad fahren. Ich schaute auf meine Beine und Füße hinunter. So richtig dafür angezogen war ich nicht. Ich besaß ja noch nichteinmal richtige Winterkleidung wie eine Skihose, eine Daunenjacke oder was auch immer man in Schneegebieten so trug. Ob ich meinen Mann dazu bewegen könnte, seinen wohligen Platz zu verlassen und meinen Wagen frei zu schaufeln? Wovon träumte ich eigentlich nachts? Unzufrieden begann ich den Schnee mit meinen Händen vom Auto zu schieben. Hauptsache, die Mistkarre sprang überhaupt an.

Meine Backe berührte die kühle Tischplatte. Genüsslich schloss ich die Augen. Ruhe, endlich Ruhe.
"Anne, was ist mit dir los?"
"Ugh", war das einzige, was ich noch herausbekam.
"Ist dir nicht gut?", fragte besorgt meine Freundin Jo.
Eigentlich hieß sie ja Johanna, aber sie haßte den Namen. Konnte ich irgendwie nachvollziehen.
"Ich war gestern bei Sebastian. Habe ihm seine blöde Martinsgans gebracht. Er hatte gerade einen Ballon zweijährigen Pflaumenwein abgezogen."
Mitleidig nickte meine Freundin Jo mir zu . Ballon abziehen, eine heikle Angelegenheit. Ging nicht ohne ein bis zwei oder auch ein dutzend Probeschlückchen zu verkosten. Leider hat Pflaumenwein einen entscheidenden Nachteil: Süffisant süss und mindestens 20% Alkohol.
"Und warum stinkst du nach Ziege, wenn ihr gestern eine Weinprobe abgehalten habt?", fragte Sibylle während sie naserümpfend an mir vorüber ging.
"Mein Bruder will auf alternative Landwirtschaft umsteigen. Ziegen und Ziegenprodukte sind da die neueste Idee. Er hat sich auch bereits vier Tiere angeschafft. Gestern durften wir schon die ersten Erzeugnisse probieren."
Natürlich mussten wir auch die Prachtexemplare im Stall besuchen. Und uns einen zweistündigen Vortrag über jedes einzelne Tier anhören. Dabei ist der Geruch der Ziegen wohl ein kleinwenig auf mich abgefärbt.
"Probieren, aber doch nicht drin baden. Du hättest dich zumindest heute Morgen duschen und frische Wäsche anziehen können", nervte mich Sibylle weiter.
Ich zuckte nur die Achseln. Heute Morgen schnappte ich mir das erst beste, was mir in die Finger kam. Und das waren nun mal die Klamotten von gestern. Alles andere wäre zu anstrengend gewesen.
"Eine Ziegenzucht. Meine Güte. Was ist das für eine neue Schnapsidee, die ihm nichts einbringt. Was war die letzte Verrücktheit nocheinmal? Eine Imkerei. Soetwas kann man nicht auf gut Glück versuchen, kein Wunder, dass er zerstochen im Krankenhaus lag. Ziegen. Hat er überhaupt Ahnung davon? Einbringen wird ihm das sowieso nichts. Er sollte besser seine Wirtschaft zumachen und sich einen vernünftigen Job suchen. Dann findet er auch endlich eine Frau."
"Bist du jetzt endlich fertig?", fragte ich leicht genervt in Sibylles Richtung.
Sie schnitt mir eine Fratze.
"Es war auf jeden Fall lecker. Und an Frauen hat es Sebastian auch noch nie gemangelt", murmelte ich in meinem nicht vorhandenen Bart.
"Kinder, das ist kein Kaffeeklatsch. Reist euch mal am Riemen. Wir brauchen noch ein Highlight für unseren Hausfrauennachmittag", quietschte unsere Vorsitzende dazwischen.
Ich hielt mir den Kopf fest. Das dröhnen wollte einfach nicht aufhören.
"Chippendales," antwortet ich ihr.
Ich kaute auf meine Unterlippe herum. Sibylle funkelte mich böse an.
"Ich dachte, wir könnten uns die Bläck Fööss leisten", entgegnete sie.
Lustlos schaute ich von meiner gemütlichen Tischplatte auf. Irgendwie drehte sich immer noch das ganze Schulzimmer. Es roch nach Kreide, Übelkeit stieg in mir hoch.
Warum konnten wir nicht unsere Treffen in der Kneipe abhalten, wie die Männer auch?

"Die will doch seit Tommy weg ist keiner mehr hören", werfe ich mit letzter Kraft ein. "Wenn wir uns schon die Bläck Fööss leisten können, warum dann nicht mal ein paar leckere Jungs?"
Unser Nachbarort Emte hatte letztes Jahr zu Karneval Stripteasetänzer engagiert und das war nur ein 500 Seelen Kaff. Was die können, können wir schon lange.
Sibylle beäugte mich kritisch. "Das mit den Chippendales war doch nicht dein Ernst oder?" Langsam müsste sie mich kennen. Natürlich war es mir ernst. Todernst. "Müssen ja nicht die Chippis sein, aber so ein paar heiße Tänzer, dann ist der Laden doch gerammelt voll." "Ich denke Anne hat Recht", unterstützte Johanna meinen Vorschlag. "Wir brauchen nicht immer die gleichen Witzfiguren. Dazu noch eine tolle Band, vielleicht Matzig." "Klar, dann können wir auch direkt Pflaumenwein ausschenken", erwiderte Sibylle spitz in meine Richtung gewandt. "Wir sind ein christlicher Frauenverein. Oder hast du das schon wieder vergessen? Aber vielleicht könnten wir ja das Männerballet dazu bringen, für uns zu tanzen."
Ich verdrehte genervt die Augen. Natürlich wußte ich, dass hier alle nicht nur christlich im Dorf waren, sondern fast ausschließlich katholisch. Ehrlich gesagt, war man in dieser Gegend katholischer als der Papst.

Sibylle schaute fragend zu mir hinüber. War da noch etwas? Ach ja, sie hatte mich was gefragt. Männerballet.
Jedes Jahr der gleiche Mist. Wenn ich mir nocheinmal die dicken Beine vom Pfarrer Karl-Josef im Spitzentutu ansehen muss, würde ich mich direkt übergeben. Warum habe ich mich überhaupt heute Morgen aus meinem Bett gequält?
"Ich bin mehr für erotischen Tanz. Vielleicht könnten wir auch zwei Typen dazu bringen sich zu küssen. So wie in dieser russischen Mädchenband: Tatü Tata, oder wie die hieß", warf ich ein.
Sibylles Mund klappte nach unten. Sie sah aus wie ein Fisch auf den Trockenen. Jo kicherte.
"Vielleicht ist dir ja die Nähe zum Puff zu Gemüt gestiegen", giftete Sibylle mich an.

Das konnte sich die alte Hexe wohl nicht verkneifen. Seit einem Jahr lebte ich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem stadtbekannten Etablissement. Mein Mann hatte sogar im Rat den Antrag auf Bauerlaubnis für den Puff unterstützt. Schließlich versprach das Geschäft eine unheimliche Wirtschaftskraft für unser ansonsten unterentwickelten Dorf. Seit der Eröffnung vor einem Jahr sah man dann auch regelmäßig Limousinen durch die Hauptstraße kurven. Der Kondomumsatz ist lt. Apotheker um 500% gestiegen und beim örtlichen Rewe Markt gab es seitdem Champagner und Kaviar zu kaufen. Sibylles christliche Gesinnung hatte uns das bis heute nicht verziehen.

"Hm, die Mädels aus der Draguer Bar sind zumindest gut drauf. Vielleicht könnten die uns helfen, entsprechende Kollegen für einen Striptease zu finden. Wir sollten das im Komitee am Dienstag abstimmen lassen", legte ich noch einen drauf.
"Ich habe die Nase voll. Ich gehe jetzt nach Hause. Wenn ihr von eurem kindischen Verhalten wieder runter kommt, könnt ihr euch ja bei mir melden."
Damit schlug die Türe hinter Sibylle zu.
"Was habe ich nur gesagt?", fragte ich Jo, während ich meinen Kopf wieder auf die kühle Tischplatte legte.
Meine Freundin zuckte nur lächelnd mit den Schultern.

Da lag es nun vor mir. Der Himmel auf Erden. Es schien mir, als würde es mich anlächeln. Nichts und niemand würde uns mehr trennen können. Mein Bett. Ich schloss die Fensterläden, damit die böse Wintersonne mich nicht stören würde. Endlich legte ich mein müdes schmerzendes Haupt auf die weichen Daunenkissen. Meine Hand strich über die Bettdecke.' Nein, ich hätte dich heute Morgen erst gar nicht verlassen dürfen', dachte ich bei mir. Ein blöder Samstagvormittag war das gewesen. Hätte ich mir echt sparen können. Aber jetzt wird wieder alles gut. Ich schloss meine Äugelein und träumte davon ein Eichhörnchen zu sein. Ein kleines süßes Eichhörnchen, dass sich einmummelt und seinen Winterschlaf hält.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen