Dienstag, 8. November 2011

Die Martinsgans



Mein Blick blieb starr geradeaus gerichtet. Das Kinn trotzig nach vorne geschoben, sah ich der Gefahr ins Auge. Mein Gegner blickte nicht weniger selbstbewusst zurück. Ich bog mein Kreuz gerade und schob meine Brust nach vorn. Auch mein Gegner machte sich größer. Ich atmete hörbar ein. So leicht würde ich mich nicht geschlagen geben.

"Anne, kommst du jetzt endlich?", rief Stephan mir zu.
Ich blickte zu ihm hinüber. Todesmutig stapfte er über das Feindesland. Wieder nahm ich meinen Gegner ins Visier. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Mit mir nicht, mein Freund. Fest entschlossen öffnete ich das Gatter und betrat die Gänsewiese. Natürlich brach sofort ein riesiger Radau los. Das Vieh, dass mich eben ohne zu blinzeln minutenlang angeschaut hatte, kam mit wildem Flügelschlag auf mich zugerannt. Den Hals langgestreckt, der Schnabel sperrangelweit offen. Ich stutzte. Blickte zurück zum Eingang. Verfluchte mich selber. Stephan blickte bereits ungeduldig zu mir hinüber. Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss. Ich nahm die Beine in die Hand und lief wie der geölte Blitz zu meinem Mann. Nur um mich hinter seinen breiten Schultern zu verstecken. Ich blickte mich ängstlich um. Ob das Federvieh einen Hinterhalt plante? Endlich kam auch der Geflügelbauer über die Wiese zu uns hinüber gestapft.
"Tag zusammen. Schon was ausgesucht?"
Ich schüttelte nur den Kopf. Der Bauer nickte mir zu und stürzte sich auf sein Federvieh. Mal nahm er die eine, mal die andere Gans am Genick und zeigte sie uns. Das ging natürlich nicht ohne entsprechendes Getöse vonstatten. Ich zuckte jedesmal heftig zusammen, wenn eine Gans ihren langen Hals in meine Richtung streckte.
"Mögen die Gänse Sie immer noch nicht, Frau Stültmeyer?", fragte mich der Bauer breit lächelnd. Ich schüttelte nur den Kopf.
"Keine Ahnung wieso. Die Viecher hassen mich seit meiner frühsten Jugend."
"Kein Wunder, du hast sie ja auch immer geärgert", verpetzte mich mein Mann.
"Warum hast du mich eigentlich gerufen? Hättest du nicht das Vieh selbst aussuchen können?", giftete ich zurück. Schließlich war ich auf der anderen Seite des Zauns gut aufgehoben gewesen. "Nun, die Gans ist für dein Bruder. Dann such das Vieh bitte auch aus. Sonst bin ich es mal wieder in Schuld, wenn das Tier nicht deinen Vorstellungen entspricht."
Ich funkelte meinen Mann an. Als wenn ich jemals seine Entscheidungen bezweifeln würde. Außer natürlich er bringt Bandnudeln vom Einkaufen mit, wenn ich Spaghetti wollte. Da konnte ich schon mal giftig werden. Bandnudeln schmecken doch ganz anders. Das weiß doch jedes Kind.

Mein Blick schweifte über die Menge weißen Gefieders. Zwei Meter vor mir hob ein Vogel seinen Kopf hoch und starrte mich an. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Gleich würde es wieder zu einem Angriff kommen. Hektisch schaute ich mich um. Gab es vielleicht Bäume, auf die ich fliehen konnte? Ich musste schnellstens raus aus dem Gehege. "Da, nehmen wir die", ich zeigte auf das erst beste Federvieh.
"Bist du dir da ganz sicher?", fragte mich mein Mann. Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Einen bitterbösen Blick. War Stephan eigentlich nur auf der Welt, um mich zu quälen?
"Ok. Wir nehmen die Gans", bestätigte mein Mann endlich meine Wahl.

Im Wagen herrschte eisige Stille. Ich blickte gerade aus, auf die Landschaft, während ich stocksteif auf meinen Sitz saß. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. "So ein Mist", hörte ich meinen Mann fluchen. Ich erwiderte nichts. Vor uns stand ein Polizeiwagen und ein Beamter winkte uns mit seiner Kelle rechts heran. Dann passierte erst einmal nichts. Mein Mann saß neben mir, den Blick nach vorne gerichtet. Eine Ewigkeit verging, bevor der Beamte an der Fahrerseite erschien. "Ihr Vorderlicht brennt nicht. Bitte ihre Papiere."
"Wirklich nicht? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen", entgegnete mein Mann.
Lahme Ausrede, sehr lahme Ausrede. Langsam schaute der Polizist von den Papieren hoch. Seine Stirn runzelte sich.
"Sie wissen, dass sie eine Gans auf ihrem Schoss haben?", fragte er mich verdutzt.
Ich nickte nur und schluckte heftig. Bestimmt gab es ein Gesetz gegen den Transport von Gänsen auf Beifahrersitzen. Oder ich hätte das Tier mit anschnallen müssen. Mir war es egal, Hauptsache ich wäre das Mistvieh bald los. Meine Hände krallten sich in das Gefieder, bloß nicht loslassen. Doch seltsamerweise war die Gans genauso stocksteif wie ich.
"Ehm, ja, dass ist ein bisschen schwierig zu erklären. Wir haben sie gerade vom Geflügelhof geholt", stotterte mein Mann vor sich hin.
"Bekommt man die dort nicht geschlachtet?", fragte der verdutzte Polizist weiter.
"Natürlich, doch wir wollten das selber machen. Eigentlich bekommt man die Gänse im Karton, doch es waren keine mehr da. Nun, morgen ist St. Martin. Und wir brauchen dringend eine Gans für den Festbraten."
Mein Blick war immer noch nach vorne gerichtet. Etwas breiiges machte sich auf meinem Schoß breit. Mein Bruder brauchte das Vieh nicht mehr zu schlachten, ich würde ihr den langen Gänsehals mit den eigenen Händen umdrehen.
"Oh, ach so. Ehm, fahren Sie bitte weiter. Und denken Sie daran, ihr Vorderlicht zu reparieren." Endlich konnten wir unsere Reise fortsetzten. Tatsächlich kamen wir auch unbeschadet bei meinem Bruder an. Der Appetit auf Gans war mir mittlerweile gründlich vergangen.
Das nächste Jahr gibt es eine tiefgefrorene aus dem Supermarkt“, nahm ich mir ganz fest vor.






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